Unfähige Chefs (und Chefinnen)

 
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In den letzten Monaten war ich in meinen Coachings und Workshops oft mit folgender oder ähnlicher Fragestellung konfrontiert: Mein Chef* ist nicht fähig, seine Funktion auszuüben. Alle wissen es, keiner tut etwas.

Nun ist dies natürlich meist die Sichtweise einer Person und deswegen auch mit Vorsicht zu geniessen. Je länger ich allerdings mit Kundinnen und Kunden aus ähnlichen Branchen zu tun habe, desto häufiger begegnen mir die gleichen Chefs in meinen Coachings und es erhärtet sich schon der Verdacht, dass auf der oberen Führungsebene etwas nicht stimmt. Aber was stimmt denn nicht?

Oft geht es um ungenügende fachliche Kompetenz, die Unfähigkeit zu organisieren, Konfliktscheuheit, Unwille oder Unfähigkeit zu delegieren oder zu entscheiden, Mikromanagement und ein unstillbares Verlangen nach Statusbestätigung.

Dem ersten Vorwurf könnte man entgegnen, dass es ab einer gewissen Hierarchiestufe nicht mehr Sache des Vorgesetzten ist, der fachlich Beste zu sein. Es wäre sogar ein Fehler, wenn dieser auf der Ebene unter sich nicht die besten Expertinnen und Experten einsetzen würde. Voraussetzung für eine gute Führungssituation wäre in dieser Situation aber, dass der Chef die Unterstellten auch wirklich arbeiten lässt und damit klar kommt, dass sie fachlich besser sind. Bei unfähigen Chefs ist genau das nicht der Fall.

Schwierigkeiten mit Konflikten umzugehen oder gut zu delegieren sind leider Klassiker in der Führungswelt. Das entschuldigt den unfähigen Chef aber nicht. Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an seiner Sozialkompetenz sollte für Führungsmenschen Pflicht und gleichzeitig Qualifikationsmerkmal für die Stelle sein. Im Fall von Unfähigkeit ist das umgekehrt ein Grund für den Verlust der Stelle.

Mikromanagement ist bekanntermassen eine der unfruchtbarsten Führungsverhaltensweisen überhaupt. Die Mitarbeitenden fühlen sich unter einem Mikromanager klein gehalten, sind nicht effektiv und schon gar nicht innovativ. Besonders schwierig wird es, wenn sich Mikromanagement mit fachlicher Inkompetenz paart. Der Chef will alles prüfen und absegnen, ohne genügend davon zu verstehen!

Chefs, die dauernd in ihrem Status bestätigt werden wollen, sind unglaublich anstrengend. Meist entspringt dies wohl einer begründeten Unsicherheit. Es kann aber auch einfach von der Idee her stammen, dass man in einer hohen Führungsfunktion besonders wichtig zu sein hat und mit Gleich- oder Höherrangigen mithalten können muss.

Was kann man als Mitarbeitende oder Mitarbeitender in einer solchen Situation tun?

  • Führung von unten: Organisationsaufgaben wenn möglich abnehmen oder helfen, an eine Stab- oder Sekretariatstelle zu vergeben.

  • Sich selbst eine hohe Kommunikations- und Sozialkompetenz zulegen und so geschickt wie möglich zu kommunizieren. Dies könnte die gemeinsame Kommunikation auch dann verbessern, wenn der Vorgesetzte sich nicht entwickelt.

  • Leicht manipulative Strategien: Die sogenannte „Rangansprache“ benutzen, d.h. den Chef in seiner Funktion ansprechen und damit indirekt bestätigen. „Was würdest du denn als Klinikleiter dazu sagen?“ Oder ihn um sein Fachwissen fragen, wo immer es ausreichend vorhanden ist, und sich gleichzeitig in der eigenen Expertise weiterqualifizieren. Um Delegation von Aufgaben bitten, indem man dem Chef zu verstehen gibt, dass die Aufgabe für seine Funktion ja viel zu wichtig ist.

  • Um eine Entscheidung zu erwirken: 2-3 konkrete Varianten vorschlagen, unter denen der Chef wählen darf. Natürlich muss man mit allen Varianten leben können, deshalb gut überlegen, was man genau vorschlägt!

  • Hat man selbst auch direkt Unterstellte, diese wirklich gut führen und seinen eigenen Mikrokosmos im Unternehmen schaffen.

  • Für den eigenen Karriereweg lernen: Von schlechten Chefs oder Chefinnen lässt sich gut abschauen, was man selber in einer zukünftigen Funktion NICHT tun sollte. Es lohnt sich dies bewusst anzugehen. Ansonsten kann man Gefahr laufen, das Verhalten des Vorgesetzten später zu kopieren.

  • Das Problem an die nächsthöhere Stufe zu eskalieren. Das tut man besser nicht allein, sondern mit anderen leidenden Teammitgliedern gemeinsam.

Ist die Situation nicht mehr zu ertragen, keine Änderung in Sicht und hindert einen gar in der eigenen beruflichen Entwicklung, so gibt es nur eine Lösung: So schnell wie möglich weg!
Wir haben (wahrscheinlich) nur ein Leben. Es ist schade, einen Grossteil davon in einer beruflich unglücklichen Situation auszuhalten!

* Seltener eine Chefin, kommt aber auch vor! Ich verwende im Text jedoch mehrheitlich die männliche Form, weil meine Kundinnen überwiegend mit unfähigen Chefs konfrontiert sind.

Noch mehr darüber lesen:

Carucci, Ron. 2020. „How to Work for a Cowardly Boss”. Harvard Business Review, January 30, 2020.

Sutton, Robert I: 2017. The Asshole Survival Guide: How to Deal with People Who Treat You Like Dirt. London: Penguin UK.

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